Freitag, 24. August 2018

Wer das Bargeld abschafft, schafft die Menschlichkeit ab

SMILE TO PAY - "kontaktlos"


heutiger radiobericht über artikel der sz : https://youtu.be/OzLJ_SEs8rE

 

Adrian Lobe der Süddeutsche Zeitung schreibt (Zusammenfassung):

An immer mehr Geschäften Chinas prangen Schilder mit der Aufschrift "Wir akzeptieren kein Bargeld". (..) Selbst die Geldbuße auf dem Polizeirevier begleicht man via App.(...) Der indische Premierminister Narendra Modi hat die Losung ausgegeben, das Land in eine "bargeldlose Gesellschaft" zu führen. Und dieser Plan wird mit aller Vehemenz verfolgt. Im November 2016 hatte die Regierung rund 86 Prozent des im Umlauf befindlichen Bargelds für ungültig erklärt. (..) Kriminelle, die aus Angst, erwischt zu werden, Bargeld gebunkert hatten, warfen säckeweise Geldnoten in Flüsse oder verbrannten die Scheine. Bargeld wurde zum Abfallprodukt.

"Money, Money, Money"? Das Abba-Museum in Schweden akzeptiert kein Bargeld mehr

In Schweden, wo 1661 die "Stockholms Banco" die ersten gedruckten Banknoten in Europa ausgab, werden inzwischen 80 Prozent aller Zahlungen mit Kreditkarte oder kontaktlos mit Bezahl-Apps abgewickelt, (...) sogar bei Straßenhändlern und auf Bauernmärkten. (...) Illegale Transaktionen könnten aufgedeckt, Steuerbetrug, Geldwäsche sowie die Finanzströme der organisierten Kriminalität und globaler Terrororganisationen ausgetrocknet werden. Mit der Abschaffung des Bargelds könnte man zudem einen Bank Run vermeiden oder Negativzinsen einführen.



(...) Das Kreditkartenunternehmen Mastercard hat eine Studie in Auftrag gegeben, die belegen soll, dass Geld dreckig und unhygienisch ist. Auf der Hygieneskala rangiert Bargeld zwischen Türgriffen und Toilettensitzen. Man will Geld somit auch ästhetisch diskreditieren.

Der Weg in eine aseptisch reine Welt des kontaktlosen Bezahlens birgt allerdings erhebliche Risiken. Denn es droht eine totale Überwachung der Warenströme: Jeder Kauf, jede Überweisung würde gespeichert und könnte zurückverfolgt werden. Die Financial Times hat die Bezahlhistorie einer jungen Chinesin visualisiert:

Sonntag, 10 Uhr:  
10 Renminbi, mobile Zahlung an die Mutter.
44 Renminbi, Didi Taxifahrt.
Montag 9 Uhr: 47,20 Renminbi,
Frühstück. 9.30 Uhr: 5 Renminbi,
Vormerkung Film. 13 Uhr: 108 Renminbi, Shopping."

Das liest sich wie das Protokoll einer Geheimdienstakte.


Der Computerwissenschaftler Paul Armer brachte seine Bedenken bereits im Jahr 1968 in einer Anhörung vor dem US-Senat zum Ausdruck:(..) Armer warnte damals davor, dass Dossiers über jeden Bürger erstellt werden könnten.

Zwar werden bei der Kreditkartennutzung bloß Metadaten wie Datum, Ort und Uhrzeit erfasst, doch lassen sich daraus relativ leicht Rückschlüsse auf einzelne Personen ziehen. Ein Forscherteam des Massachusetts Institute of Technology (MIT) und der Universität Aarhus, das drei Monate lang die Kreditkartenkäufe von insgesamt 1,1 Millionen Kunden analysierte, fand heraus, dass bereits Angaben zu vier Bezahlvorgängen ausreichen, um 90 Prozent der Personen in einer anonymisierten Liste zu identifizieren. 

Weiß man zum Beispiel, dass jemand am Montag seinen Kaffee gekauft hat, am Dienstag im Restaurant essen war und am Mittwoch im Kino, kann man diese Finanzdaten eindeutig einer Person zuordnen.

Jede kleine Transaktion landet auf der "Daten-Bank" der großen Unternehmen

(..)
In der bargeldlosen Gesellschaft zeigt sich die Kontrollgesellschaft im Großen: Jeder Konsument führt mit seinen digitalen Bezahlapparaturen Marktforschung im Auftrag von Unternehmen durch, welche die Daten- und Finanzströme überwachen. (...) das macht deutlich, dass der Begriff der "Daten-Bank" ein hybrider ist. Im Informationskapitalismus sind Daten Einlagen, und die Zentralbanken, die sie speichern, Konzerne wie Google oder Facebook.

Es ist keine Science-Fiction mehr: Unberührbare Menschen werden zu Strichcodes

Die Perversion dieses Kontrollwahns zeigt sich in China: Dort haben Bettler auf der Straße QR-Codes um den Hals hängen, damit Passanten ihnen per mobiler Bezahlung Almosen überweisen können.



 Kunstwerk "Satoshi" von Juan Miguel Delgado: Der phantomhafte Bitcoin-Gründer Satoshi Nakamoto wird dargestellt als Wohltäter



Als wären Bettler nicht schon marginalisiert genug, werden sie zum Strichcode, den man wie Supermarktware abscannt. Selbst im erniedrigenden Moment des Bettelns muss man sich mit seinen Daten prostituieren. Was wie eine Dystopie aus einem Science-Fiction-Roman anmutet, wird Realität: eine informationelle Kaste der Unberührbaren, die man nicht anfasst, sondern nur noch abscannt. (...) Wer das Bargeld abschafft, schafft letztlich auch die Menschlichkeit ab.

 Voller Artikel : https://www.sueddeutsche.de/kultur/digitalisierung-wer-das-bargeld-abschafft-schafft-die-menschlichkeit-ab-1.4101868

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